Nachgefragt

bei Myriam Ziegler

Myriam Ziegler leitet seit Juni 2020 das Zürcher Volksschulamt. Im Interview erklärt sie, wie die Schulen aus ihrer Sicht die Herausforderungen der Corona-Pandemie bisher meistern und wie sie das Volksschulamt dabei unterstützen kann.

Frau Ziegler, im Juni 2020 haben Sie die Leitung des Zürcher Volksschulamts übernommen. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt, die von der Corona-Pandemie geprägt waren?
Es waren intensive Monate auf allen Ebenen. Das Kennenlernen und mich vertraut machen mit den Mitarbeitenden des Amtes aber insbesondere auch mit den weiteren am Schulfeld beteiligten Personen fand vorwiegend virtuell statt – mit einigen wenigen Ausnahmen während der Phase der Lockerungen. Grundsätzlich hat das gut funktioniert, aber für mich ist der persönliche Kontakt gerade auch im beruflichen Umfeld wichtig, wenn man gemeinsam Ziele erreichen will. Auch unsere tägliche Arbeit im Volksschulamt ist sehr durch die Corona-Pandemie geprägt. Ich habe aber den Eindruck gewonnen, dass durch die herrschende Pandemie die Zusammenarbeit mit den Verbänden und dem Schulfeld an Qualität gewonnen hat. Wichtig erscheint mir, dass wir einander unterstützen und in dieser anspruchsvollen Zeit alles unternehmen, damit wir mit den entsprechenden Schutzmassnahmen die Schulen für unsere Schülerinnen und Schüler offen halten können. Das coronabedingte Absorbieren unserer Ressourcen hat jedoch zur Konsequenz, dass wir bei einigen unserer Arbeiten und Projekten nicht den vorgesehenen Fahrplan einhalten können.

Für die Schulen ist es eine intensive, herausfordernde Zeit. Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die grössten Herausforderungen und wie unterstützt das Volksschulamt die Schulen dabei?
Wir bemühen uns alle, für unsere Schülerinnen und Schüler ein möglichst hohes Mass an Normalität zu garantieren. Das können wir nur in enger Zusammenarbeit gemeinsam leisten. Kurzfristig gesehen ist wohl die grösste Herausforderung für uns alle die Ungewissheit bezüglich der Weiterentwicklung der Pandemie und der damit verbundenen fehlenden Planungssicherheit. Ich finde es aber bewundernswert, wie schnell und wie gut die Schulen aber auch die Schülerinnen und Schüler bis anhin auf alle auch sehr kurzfristigen Veränderungen im Schulalltag und Verschärfungen von Massnahmen reagiert haben. Und ich kann mich nur bei allen Beteiligten bedanken, dass wir dies bis anhin so gut gemeistert haben und die grosse Mehrheit der Schülerinnen und Schüler gut mit den neuen Situationen umgehen können. Mittelfristig wird es eine Herausforderung für die Schulen wie auch für uns seitens Volksschulamt sein, wesentliche Erkenntnisse aus den bisher gemachten Erfahrungen aufzunehmen. Das Volksschulamt unterstützt die Schulen mit einer Corona-Hotline und einer Corona-Mail, die wir seit Beginn der Pandemie praktisch während sieben Tagen pro Woche betreiben. Zudem haben wir eine spezielle Corona-Webseite mit vielen nützlichen und aktuellen Informationen, Vorlagen für Schutzkonzepte, Elternbriefe in diversen Sprachen, ein Wiki für den Fernunterricht und einiges mehr entwickelt, alles zur Entlastung der Schulen. Die Bildungsdirektion hat nach den Sommerferien ein für Schulen spezialisiertes zusätzliches Contact-Tracing aufgebaut und damit für genügend Ressourcen bei der Klärung schulspezifischer Fragen gesorgt.

Die Pandemie hat insbesondere bei der Digitalisierung Nachholbedarf aufgezeigt. Gleichzeitig dürfte der Spardruck auch die Schulen treffen. Was wird im Bereich der Mittelbeschaffung und Ressourcenverteilung auf die Schulen zukommen?
Die Pandemie hat vor allem gezeigt, dass die Gemeinden in Bezug auf die Digitalisierung unterschiedlich weit sind. Insgesamt konnten wir aber auch feststellen, dass sehr viele Schulen schon sehr gut aufgestellt sind und die Herausforderungen gut bewältigen konnten. Die Bereitstellung und Erhaltung einer guten Infrastruktur für die Schulen, zu der auch die Informatikinfrastruktur gehört, wird für die Gemeinden eine zentrale Aufgabe bleiben. Das Volksschulamt unterstützt die Gemeinden beratend und kann dabei mithelfen, passende Lösungen zu finden, die sowohl dem pädagogischen Angebot der Schule als auch den finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde gerecht werden. Dazu haben wir seitens Volksschulamt mit dem ICT-Coach eine digitale Plattform sowie Schulungsformate erarbeitet, die seitens der Gemeinden genutzt werden können.

Seit Anfang dieses Jahres ist das teilrevidierte Zürcher Volksschulgesetz in Kraft. Unter anderem besteht nun eine gesetzliche Grundlage für die Einführung einer Leitung Bildung. Was für Chancen bieten sich den Schulen mit dem neuen Gesetz?
Eine grosse Chance der neuen Bestimmungen zur Schulorganisation ist sicher, dass diese den Gemeinden mehr Handlungsspielraum geben, um eine für sie passende Organisation festzulegen. Der Gesetzgeber hat damit der Heterogenität der (Schul-)Gemeinden im Kanton Zürich Rechnung getragen. Die grössere Organisationsautonomie erlaubt es vor allem mittelgrossen und grossen Gemeinden durch die Schaffung einer Leitung Bildung die Schulpflege wirkungsvoll zu entlasten. Die Schulpflege kann sich damit noch mehr auf strategische und politische Fragen konzentrieren und es bleibt realistisch, dass man auch ein Schulpräsidium weiterhin im Teilamt ausführen kann. Um eine gute Schule für alle garantieren zu können, ist es aber wichtig, dass die Schulpflegen, die Leitung Bildung und die Schulleitungen gut zusammenarbeiten und sich unter anderem auch auf gemeinsame zu erreichende Ziele und deren Umsetzung einigen.

Welche Schwerpunktthemen werden Sie in den kommenden Monaten zudem beschäftigen?
Wie bereits erwähnt, bindet die Corona-Pandemie einiges an Ressourcen im Volksschulamt. Aktuell gilt es, die Ergebnisse aus der Evaluation des neu definierten Berufsauftrages zu studieren. Auch die Fragen rund um die Lehrpersonen auf Kindergartenstufe verlangen wie erstgenanntes Thema nach weiterführenden Massnahmen in den kommenden Monaten. Zudem wollen wir die Zuteilung und den Einsatz von Personalmitteln in der Zürcher Volksschule überprüfen und vereinfachen. Die Bildungsdirektion startet dazu ein Projekt mit dem Namen «ME flex» (Mitteleinsatz flexibler gestalten). Künftig sollen die Gemeinden die bisherigen personellen und finanziellen Mittel noch zielgerichteter und wirkungsorientierter einsetzen können. Dies sind nur einige Themen, die es aktuell zu bearbeiten gilt.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie sich für die Entwicklung der Zürcher Volksschule sofort wünschen?
Mein aktuell grösster Wunsch wäre, dass wir die Corona-Pandemie möglichst bald so überstanden haben, dass wir uns mit voller Kraft endlich wieder anderen Themen, die für das Schulfeld wichtig sind, zuwenden können.